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Thema: Short Stories

  1. #1
    Avatar von G.Sindel
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    Short Stories

    Der See

    Das Boot wippte leicht unter seinen Ruderschlägen.
    Sonja saß am Heck und wippte mit.
    ‚Gar nicht so ungefährlich', dachte er.
    ‚Wie leicht könnte sie hinausfallen.
    Sie hält sich nicht einmal richtig fest.'
    Langsam ruderte er weiter.

    Es wurde dunkel.
    Hell war es schon nicht mehr gewesen, als sie losgerudert waren, aber nun verlor sich langsam der letzte Lichtschein hinter dem Wald, der das Ufer säumte, auf das er zuhielt.
    An Sonja vorbei sah er das Ufer, von dem er abgelegt hatte.
    Dort stand ein Auto, bei dem jetzt das Standlicht eingeschaltet worden war.

    Sonja sagte immer noch nichts.
    Das störte ihn nicht.
    Er hatte ihr ohnehin nicht mehr viel zu sagen.
    Eigentlich hatte er nie viel mit ihr gesprochen.
    Jetzt erst fiel ihm das auf, und auch, wie verschieden sie beide doch waren, in ihren Ansichten, in ihrer Art zu leben und wie verschieden sie die Welt sahen.

    Die letzten Sonnenstrahlen ließen Sonjas grüne Augen noch einmal aufblitzen.
    Er ruderte schneller.
    Ganz kurz hatte sich wieder ein Zweifel eingeschlichen, ob er das Richtige tue.
    Kräftig zog er die Ruder durch, und das kleine Boot schwankte unter seinen Stößen.

    Von den Ruderblättern fortfliegende Tropfen spritzen auf Sonjas leichtes Sommerkleid, doch sie nahm keine Notiz davon, sondern sah ihn unverwandt an.
    ‚Ob sie etwas ahnt?' dachte er.
    ‚Ach was, woher denn', versuchte er sich zu beruhigen.
    Er fragte sich, ob sie jemals realisiert hatte, was in ihm vorging.
    ‚Wahrscheinlich nicht.'
    Er wusste es ja selber nicht genau.
    Wie sollte es dann Sonja wissen?
    Zu weit entfernt war ihre Heimat, ihre Sprache, ihre Kultur, um ihn zu verstehen.

    Sonja war ja nicht einmal ihr richtiger Name.
    Er hatte sie so genannt, und sie hatte es erduldet, wie sie so vieles anderes erduldet hatte, nur um hier bei ihm zu sein.
    ‚Tja. Bei mir oder doch eher „hier“?’ fragte er sich.
    ‚Eigentlich egal', dachte er.
    ‚Horst hat schon Recht. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.'

    Nie würde jemand diese fremde Frau an seiner Seite akzeptieren.
    Er würde sie zu keiner Betriebsfeier mitnehmen können und nicht ins Kino oder mit ihr shoppen gehen oder was sie vielleicht sonst gerne täte.
    Und seinen Eltern würde er sie auch nie vorstellen können.
    Er lachte leise.

    Seine Eltern.
    Vor allem seine Mutter mit ihrem alles überragenden Wunsch nach Enkeln und wann es denn endlich soweit sei - und dann käme er mit dieser Frau.
    Seine Mutter würde einen Herzinfarkt bekommen und dann in Ohnmacht fallen.
    Oder umgekehrt.
    Seine Mutter war theatralisch sehr begabt.
    Sein Vater würde ihn wahrscheinlich aus dem Haus werfen mit der Bemerkung, erst wiederzukommen, wenn er eine "anständige Frau" mitbrächte.

    Sonjas Augen verloren ihren grünen Glanz.
    Er erinnerte sich an die Zeit, als er sie "ausgesucht" hatte nach ein paar Bildern und Beschreibungen, die er mit seinen paar Brocken Englisch kaum verstanden hatte.
    Für ihn schien es die Erfüllung eines Traumes zu sein, genauso wie für sie, nur dass ihr Traum ein anderer war als seiner.
    ‚Was nutzt ein Traum, wenn man ihn nicht leben kann', dachte er.
    ‚Wenn man ihn ständig verstecken muss. Dann ist das kein Traum mehr. Dann ist das ein Alptraum.'

    Mittlerweile war das kleine Boot in der Mitte des Sees angekommen.
    Er hatte zum Schluss nur noch sehr kraftlos gerudert und war deswegen kaum vorangekommen.
    Der See war groß, und er war auch sehr tief.
    Hier, in der Mitte, bildeten sich kleine Wellen, und das Boot tanzte ein wenig auf ihnen.
    Es schwankte noch stärker, als er zum Heck zu Sonja ging, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre er ins Wasser gefallen.
    ‚Was für eine Ironie', dachte er.
    Er lächelte aber nicht dabei.

    Als er sich vor Sonja stellte, bewegte sie sich nicht mehr, als sei sie eingeschlafen.
    Dann ging alles ganz schnell, wie mechanisch, wie eine Tätigkeit, die er schon tausendmal getan hatte und die in ihrer Routine nicht mehr ins Bewusstsein vordringt.
    Viel leichter, als er es sich vorgestellt hatte, fiel ihr Körper ins Wasser.
    Sofort ging sie unter.
    Das helle Sommerkleid sah er noch kurz in dem dunklen Wasser, dann sank auch dieses mit Sonja in die Tiefe.
    ‚Sie hat sich nicht einmal gewehrt', dachte er.
    Er hatte das dringende Bedürfnis nach einer Zigarette oder einem Glas Whisky, aber er hatte weder das eine noch das andere mit.
    So setzte er sich wieder auf die Ruderbank und ruderte auf das Auto mit dem schwach glimmenden Standlicht zu.

    Der Rückweg schien eine Ewigkeit zu dauern, aber er hatte es nicht eilig, und als er am Auto ankam, war es Nacht geworden.
    "Du hast es erledigt?" fragte Horst.
    "Ja", antwortete er.
    Er stand noch neben dem Auto und schaute auf den See, als das Boot schon verladen war und Horst den Motor gestartet hatte.
    "Nun steig schon ein!"
    "Ja, gleich", antwortete er.
    "Du bereust es doch wohl nicht?" fragte Horst.
    "Nein."
    "Es ist besser so."
    "Ja, sicher."
    "Schlimmstenfalls kannst du dir ja eine neue holen", lachte Horst.
    "Ja. Im schlimmsten Fall."
    "Ey, Alter", schubste ihn Horst an. "Es war nur eine Liebespuppe."
    "Ja", antwortete er. "Nur eine Liebespuppe."

    ©Isi 2017
    Geändert von G.Sindel (28.05.2017 um 16:19 Uhr)
    Lebe, als gäb es kein morgen, und liebe, als lebtest du ewig.
    ©Isi

  2. #2

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    Zitat Zitat von G.Sindel Beitrag anzeigen
    Der See

    Das Boot wippte leicht unter seinen Ruderschlägen.
    Sonja saß am Heck und wippte mit.
    G.Sindel, echt traurig ....,
    und es hätte so eine schöne Geschichte, werden können


    "Ey, Alter", schubste ihn Horst an. "Es war nur eine Liebespuppe."
    "Ja", antwortete er. "Nur eine Liebespuppe."

    ©Isi 2017
    Und der Horst ist auch kein Freund den in einem See versenkt Mann weder seine Frau noch seine Doll
    die kann Mann viel besser auf einer Deponie entsorgen, da taucht die niewieder auf

  3. #3
    Avatar von Doll Raider
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    484
    [QUOTE=Silicondoll;68962]G.Sindel, echt traurig ....,
    und es hätte so eine schöne Geschichte, werden können

    ...aber nein, nicht doch, es handelt sich um eine schöne und äußerst lebhaft geschriebene Geschichte!

    Ein mit großer Leichtigkeit dahinplätscherndes Ereignis, welches unvermeidlich seinem verwässerten Schlußakkord zustrebt.
    Es ist dem Autor gelungen, mit simpler Eleganz unversehens eine intellektuelle Spannung aufzubauen.

    Fazit: Durchaus lesbar, hier wird sicherlich noch einiges auftauchen!

    Gruß DR

  4. #4
    Avatar von G.Sindel
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    Danke, DR!

    Dann hier mal eine längere ShortStory, die gut zu PJs heutigem Blog passt, wie Liebespuppen das Leben eines Menschen verändern können.
    Und was das HappyEnd betrifft: wer kann schon beurteilen, ob der Ausgang einer Geschichte glücklich oder traurig ist, außer den Beteiligten selber?
    Wobei das Ende einer Geschichte ja ohnehin stets nur der Anfang einer anderen ist...



    Longer Short Story
    5. Juni 2017


    Auf der Bank einer aufgegebenen Bahnstation saß eine Liebespuppe.
    Sie schien versonnen zu lächeln und auf einen Zug zu warten, der niemals kommen würde.

    Jason starrte entsetzt auf den leeren Stuhl, auf dem Madea sonst immer saß und ihn erwartete.
    Entsetzt, aber nicht wirklich überrascht.
    Schon als er die Tür hatte aufschließen wollen und festgestellt hatte, dass sie nicht abgeschlossen war, hatte ihn eine Ahnung erfasst, dass heute etwas anders sein würde als sonst.
    ‚Nun, diese Ahnung hat sich bestätigt’, dachte er.
    Madea war fort.

    ‚Ich hätte ihr keinen Schlüssel anvertrauen sollen.’
    ‚Meine Schuld. Sie ist einfach so. Nicht gedankenlos. Lediglich keinerlei Gespür für Verantwortung. Ja. So ist sie halt.’
    Genau deshalb hatte er sich in sie verliebt. Madea brachte ein wenig Unordnung in sein so geregeltes Leben, aber nicht, wie die anderen Menschen sein Leben in Unordnung brachten, mit hektischen Tätigkeiten und fordernden Wünschen, sondern gerade dadurch, dass Madea sich um die ganzen kleinen Lästigkeiten des Alltags nicht im mindesten kümmerte und gefühlt stundenlang einfach in den Himmel schauen und sich daran erfreuen konnte.
    Für sie war der Himmel immer klar und Jason liebte es, wenn sich das Himmelsblau in ihren Augen spiegelte.
    Für Jason war der Himmel schon lange nicht mehr klar gewesen.
    Er erinnerte sich kaum, wann er das letzte Mal einfach nur in den Himmel geschaut hatte.
    ‚Eigentlich erinnere ich mich gar nicht mehr daran.’
    Unwillkürlich sah er zum Kellerfenster, und sein Blick fiel auf ein wolkenverhangenes Grau.

    Er starrte zurück auf den leeren Stuhl.
    Sicher - eine Vereinbarung zwischen ihm und Madea hatte es nie gegeben, sie war in keinster Weise verpflichtet, hier auf ihn zu warten, wenn er nach Feierabend zu ihr kam.
    Er hatte es einfach erwartet, obwohl er nie mit ihr darüber gesprochen hatte.
    ‚Ich habe ihr auch nie gesagt, wie sehr ich mich freue, sie abends zu sehen’, dachte er.
    ‚Ist sie etwa deswegen gegangen?’
    Es wäre nicht die erste Frau, die ihn wegen seiner „Gefühlskälte“ verlassen hätte.
    Schon seine erste Ehe war auseinandergegangen, weil er – zumindest nach Meinung seiner Ex-Frau – nie über seine Gefühle reden konnte.
    ‚Was soll man darüber reden’, dachte er.
    ‚Entweder fühlt man etwas oder nicht. Es macht keinen Sinn, darüber zu reden. Ändern kann man dadurch eh nichts.’
    Allerdings, das fiel ihm gerade ein, hatte Vreni, seine jetzige, zweite Ehefrau, auch schon so etwas erwähnt.
    ‚Hm. Wenn’s hilft, kann ich Madea ja mal sagen, dass ich mich freue, mit ihr zusammen zu sein.’
    Und Vreni?
    ‚Ihr sollte ich es wohl auch mal sagen.’
    Und warum?
    ‚Gehört sich so.’
    Bist du wirklich gerne mit Vreni zusammen oder sagst du das nur aus Höflichkeit?
    ‚Tja. Wohl eher nur aus „Höflichkeit“. Wie so vieles anderes. Oder aus Bequemlichkeit, weil es der einfachere Weg ist, einen Streit zu vermeiden.’
    Um was alles streiten konnte.
    Urlaubsziele, Kleidungsstile, das Auto, das zu groß oder zu klein oder nicht neu genug war – und immer musste er zahlen, weil die Einkommen ja gerecht verteilt werden mussten und er, Jason, hatte ja nicht jahrelang seine Karriere unterbrechen müssen zum Gebären und Aufziehen von Kindern.

    Kinder.
    Ein Baum, ein Haus, ein Kind.
    Eigentlich hatte er all das erreicht, aber seinen Stammhalter sah er schon lange nicht mehr als „seinen“ Sohn an.
    „Ein“ Kind, ja. Eher ein Kindskopf als „sein“ Kind.
    Jean-Claude.
    Was sollte schon aus jemandem werden, der einen solchen Namen trug.
    Jean-Claude.
    Jason schüttelte innerlich den Kopf.
    Er hatte seinem Sohn goldene Brücken gebaut, wie man so sagt, den Weg bereitet, den roten Teppich ausgebreitet.
    Privatunterricht neben der Standardschule, Internat, Elite-Universität.
    Jean-Claude hätte diesen vorbereiteten Weg nur noch zu gehen zu brauchen, und seine Karriere wäre garantiert gewesen.
    Aber nicht einmal selber gehen mochte er, dieser Jean-Claude.
    Er tanzte lieber.
    Vertanzte das Studiengeld, das Jason ihm Monat für Monat überwiesen hatte in dem Glauben, es würde zu etwas Vernünftigem führen.
    Nun ja.
    Jean-Claude.
    Seine Frau hatte auf diesem Namen bestanden.
    Seine erste Frau.
    Sie war ein ebensolcher Flattervogel gewesen wie ihr Sohn.
    Und genauso wie seine Mutter hatte ihn auch sein Sohn verlassen, als Jason den Geldhahn zugedreht hatte.

    Wie anders da Vreni, seine zweite Frau.
    Selbstbewusst, eine Frau mit Zielen, beständig, sicher in ihrem Auftreten und in dem, was sie will.
    Genau wie ihre Tochter Constance, die sie mit in die Ehe gebracht hatte.
    Constance mit „C“, vorne wie hinten. Ganz wichtig, diese „Ce’s“.
    Trotzdem hatte er sie geliebt wie eine eigene Tochter.
    Sie war so ganz anders als sein derart missratener Sohn.
    Anhänglich, liebenswürdig, einfühlsam.
    Fleißig.
    Hilfsbereit.
    Auch in der Schule.
    Immer bereit zu teilen, ganz gleich ob es ihr Schulbrot oder ihre Hausaufgaben oder ihre Jungfräulichkeit betraf.
    Sie hatte so viel Liebe zu geben, dass die Jungs Schlange standen, um dieses Geschenk dankbar in Empfang zu nehmen.
    „Wenn du schwanger wirst, fliegst du raus, das ist mein letztes Wort“, hatte Jason zu ihr gesagt.
    Wann das war?
    Er wusste es nicht mehr genau.
    Vor ein paar Tagen oder ein paar Wochen?
    Jedenfalls war es, wie er gesagt hatte: das letzte Wort.
    Seitdem hatten sie nicht mehr miteinander geredet.

    ‚Nicht mehr miteinander reden.’
    Jason war es bisher nicht aufgefallen, da er ohnehin nie viel redete.
    Warum nicht? Hast du nichts zu sagen?
    ‚Bei meiner Position? Natürlich! Was für eine dumme Frage.’
    Nicht beruflich. Über dich. Hast du nichts über dich zu sagen?
    Jason schwieg.
    Deine Wünsche, deine Träume. Dein Leben?
    Er spürte eine leichte Gänsehaut an den Beinen.
    Er mochte es nicht, wenn die Stimme so etwas fragte.
    Glücklicherweise verstummte sie meist wieder rasch oder er trank einen Whisky oder einen Rotwein oder beides und dann hörte er sie nicht mehr.

    Diesmal war es anders.
    Er beschloss, sie auszuhalten.
    ‚Ich habe alles, was ich mir gewünscht habe. Ich habe Erfolg, genügend Geld, eine Frau…’
    Er dachte diesen Gedanken nicht zu Ende. Es erschien ihm plötzlich lächerlich.
    Und seit wann hast du dir das gewünscht?
    ‚Schon immer. Schon als kleiner Junge. Immer, wenn ich sah, wie sich meine Mutter krumm machen musste, um uns durchzubringen.’
    Was machte dein Vater?
    ‚War nie da. Unterhalt gab es nur unregelmäßig. Um alles musste ich betteln und mich klein machen. Das würde ich nie wieder erleben wollen, wenn ich erst mal erwachsen wäre.’
    Wie alt warst du da?
    ‚Weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht acht oder zehn oder zwölf.’
    Und wie alt bist du jetzt?
    Er biss die Zähne zusammen und verzog die Mundwinkel zu einer Art Lächeln.
    ‚Im besten Mannesalter. Fünfundvierzig.’
    Glückwunsch. Dann hast du nun endlich als Fünfundvierzigjähriger die Wünsche eines Zehnjährigen erfüllt. Und? Meinst du nicht, dass es jetzt an der Zeit ist, die Wünsche des Fünfundvierzigjährigen zu erfüllen?
    Jason schwieg.
    Was sind denn Wünsche des Fünfundvierzigjährigen, nachdem nun endlich die Wünsche des Kindes erfüllt sind?
    Er wusste keine Antwort, die hinausging über die Kinderwünsche Auto, Haus, Geld, Boot, Pferd.
    Die verschiedensten Bilder schwirrten durch seine Gedanken und keines davon konnte er festhalten.

    Bis er sich wieder an Madea erinnerte.
    An den Tag, als er sie gefunden hatte, am See, halb im Wasser liegend, und zu ihr ging, dann zu rennen begann, als er erkannt hatte, dass ihr Gesicht im Wasser lag.
    Sie war schon ganz kalt, und er hatte sie gerettet.
    Nie würde er dieses Lächeln vergessen, ein Lächeln voller Dankbarkeit und Versprechen, diesen Ausdruck, den er so lange gesucht und nie zuvor gefunden hatte.
    Sie litt an Amnesie, konnte nicht sagen, wer sie war oder wo sie herkam, also hatte er ihr ein Appartement gemietet, damit sie wenigstens so etwas wie ein Zuhause hatte, und nach den Buchstaben an ihrem Fußkettchen hatten sie sich auf den Namen Madea geeinigt.
    Es hätte auch Adam E. bedeuten können, aber das fand er nicht so passend.
    Seitdem kam er jeden Tag nach Feierabend kurz bei Madea vorbei, um nach ihr zu sehen, und mal blieb er kürzer und mal länger.
    In letzter Zeit eher länger.
    Viel länger.

    Madea lebte sich in ihrer Welt gut ein und schien sich in ihrem Appartement recht wohl und geborgen zu fühlen.
    Und obwohl sie viel jünger war als Jason – vielleicht zweiundzwanzig, oder maximal fünfundzwanzig – kam es eines Tages zu dem, was mit dieser gesamten Aktion geplant zu haben er sich niemals eingestanden hätte, doch zumindest insgeheim erhofft hatte:
    Sie hatten Sex.
    Nicht, dass der etwas Besonderes gewesen wäre.
    Im Gegenteil war es der erfüllendste Sex seines Lebens.
    Und zwar nicht, weil Madea so ausgefeilte Sexpraktiken beherrschte, nein, in der Beziehung war sie eher spröde.
    Sie tat nichts weiter, als Jason anzunehmen.
    Grenzenlos.
    Bedingungslos.
    Als der oder das, was und wie er war.
    Er brauchte auf nichts zu achten, auf keine Technik, keine erogenen Zonen, keine Lustpunkte, er konnte einfach nur er selber sein, er brauchte nicht einmal Jason zu sein, sondern etwas hinter und über und unter diesem Bild „Jason“, welches er endlich einmal nicht aufrechtzuerhalten brauchte.
    Hier bei Madea war er ganz Körper und ganz Gefühl.

    Er wusste, dass er niemals mit jemandem darüber reden durfte.
    Denn niemand – nicht einmal die besten Freunde – von denen es sowieso nur sehr wenige gab - also eher seine Arbeitskollegen, und die durften erst recht nichts davon erfahren, weil sie diese Affäre – und ein solche war es ja eindeutig – sofort genutzt hätten, um seine Karriere zu sabotieren oder zumindest an seiner jetzigen Position zu sägen - niemand also würde jemals verstehen können, was sich zwischen ihm und Madea entwickelt hatte.
    Deshalb achtete er stets darauf, alle Spuren zu beseitigen, wenn er Madea verließ und zu seiner Familie und seinem anderen Leben zurückkehrte.
    Er hatte sogar eigene Kleidung in Madeas Kleiderschrank deponiert, damit er sich nicht durch ihren Duft oder ihr Parfüm oder ähnliches verraten konnte.
    Und wirklich hatte diese Täuschung wunderbar funktioniert, und nie war jemand hinter ihr Geheimnis gekommen.

    Wenn es nicht Madeas Stimme gegeben hätte.
    Die konnte er nicht im Appartement zurücklassen.
    In den ungünstigsten Situationen begann diese Stimme, sein Leben zu kommentieren.
    Natürlich nicht real, es war eher so, dass er sich vorstellte, was Madea in dieser oder jenen Situation sagen würde.
    Und dann konnte es passieren, dass er in irgendeiner ach so wichtigen Power-Point-Präsentation lachen musste, weil Madea in ihrer unkonventionellen Denkweise die Absurdität der aufgeblasenen Wichtigkeit mit ein paar pointierten Bemerkungen hervorbringen konnte.
    Nie bösartig oder verletzend, eher in der Art wie:
    „Ist dir aufgefallen, er erzählt immer wieder dasselbe, nur um die Zuhörer länger bei sich zu halten. Er muss ein wirklich einsamer Mensch sein.
    Bestimmt hat er nicht viele Freunde.“
    Und plötzlich verging Jason das Lachen.
    ‚Madea hatte das nie witzig gemeint’, wurde ihm endlich bewusst.
    Hat aber ganz schön lange gedauert, bis du das erkannt hast.
    ‚Ja’, stimmte er zu.

    So war sie, seine Madea.
    Nie drängend.
    Nie fordernd.
    Sie hatte ihm immer so viel Zeit und so viel Raum gelassen, wie er brauchte, um zu erkennen, was er eigentlich schon lange gewusst, sich nur noch nicht selber eingestanden hatte.
    Oder zugestanden, mein Lieber. Oder zugestanden.
    ‚Stimmt. Aber was steht mir zu? Mein Gehalt? Mein Auto? Ein Eigenheim? Was ist, was ich mir selber gönnen müsste?’
    Da sind wir wieder bei deinen Wünschen. Deinen jetzigen. Nicht den Wünschen von vor zwanzig oder dreißig Jahren, sondern von heute.
    ‚Du fragst, was ich mir heute wünsche? So richtig, aus tiefster Seele? Ich wünschte, ich hätte heute Morgen nicht ins Büro fahren müssen. Nicht den blöden Computer hochfahren und nicht dieselben leeren nichtssagenden Gesichter der Kollegen sehen müssen und die Kolleginnen, die entweder völlig verlebt und fertig sind oder hochnäsig an mir vorbeistöckeln und bestenfalls ein Achselzucken für mich übrig haben.
    Ich wünschte, ich wünschte, ja, was eigentlich? Wenn Geld nicht zählte und keine finanziellen Verpflichtungen fürs Haus und fürs Auto und die Klamotten und Schmuck für Constanze und Vreni und der nächste Urlaub und die nächste Gala und all das…’
    Wenn du heute wirklich einfach nur „du“ hättest sein dürfen.
    ‚Dann wäre ich aus dem Haus gegangen, einfach nur raus, auf die Straße, hinaus, einfach nur gehen, frei, die Luft atmen, den Himmel sehen. Gehen. Ohne Ziel. Irgendwohin, wo alles zu Ruhe kommen kann, wie bei einer verlassen daliegenden Endhaltestelle, der letzte Zug ist abgefahren, und vor morgen kommt kein neuer, so dass das Ende der Strecke auch ein möglicher neuer Anfang sein könnte, und ohne Druck, denn vor morgen oder wer weiß wann wird kein neuer Zug kommen und mich fortführen und selbst wenn er käme, kann ich immer noch entscheiden, ob ich mitfahre.
    Ruhe.
    Einfach mal zur Ruhe kommen ohne das Summen vom PC und dem Klingeln von Handys und dem Dauergeschnatter von unzählbaren Stimmen.
    Ohne sich ständig behaupten und beweisen und durchsetzen zu müssen, was eh immer nur auf Kosten von anderen geschehen kann – die deshalb die nächste Gelegenheit nutzen werden, nutzen müssen, aus eigenem Überlebenskampf heraus, sich gegen mich durchzusetzen.
    Frieden.
    Den Frieden, den ich bei dir, Madea, hatte erleben können.’

    Unbewusst hatte sich bei diesen Gedanken sein Blick gesenkt, und nun schweifte er ziellos durch das kleine Appartement.
    Der kleine Kleiderschrank, das zum Toilettentisch umfunktionierte Schreibtischchen, das verschnörkelte weiße Metallbett, alles in diesem Zimmer hatte Madea geatmet und strömte sie jetzt wieder aus.
    Jason fühlte ihren Duft und die Gelassenheit, die sie stets ausstrahlte hatte, egal, wie erschöpft oder aufgedreht er zu ihr gekommen war.
    Alles hier kannte er, und es war immer gleich.
    Madea brachte ihre Sachen nie in eine andere als der ihnen zubestimmten Ordnung.
    Und dann fiel ihm etwas Glänzendes auf dem Toilettentisch auf.
    Etwas, was da nicht hingehörte, weil es sonst niemals da lag.
    Er ging darauf zu.
    In der späten Abendsonne glitzerte ein Ring.
    Er betrachtete ihn lange und die Kette, die durch ihn ging.
    Er kannte den Ring.
    Es war der Ring, den er Madea geschenkt hatte zu ihrem gemeinsamen „Einmonatigen“.
    Er hatte nicht ein Jahr warten wollen, und Madea hatte nichts dagegen gehabt, als er ihr das Halskettchen mit dem Ring anlegte.
    Während er den Ring und die Kette betrachtete und sich ein wenig wunderte, dass Madea sie nicht mehr trug, fiel ihm auf, das eines der Schublädchen des ehemaligen Schreibtisches, der jetzt als Toilettentisch diente, nicht richtig eingeschoben war.
    Er öffnete es mit einem etwas schlechten Gewissen wie ein Bub, der im Begriff ist, heimlich im Kästlein mit Liebesbriefen seiner Mutter zu schnüffeln.
    Lange schaute er auf den Brief, der darin lag, und lange dauerte es, bevor er ihn öffnete..

    „Mein liebster Mann!
    Ich nenne dich so, auch wenn ich es nicht dürfte, denn ich habe kein Anrecht auf diese Anrede.
    Doch du wirst mir verzeihen, wie manches andere, und wenn nicht jetzt, dann später, wenn du erkannt und verstanden hast. Dir verzeihe ich auch, obwohl es nicht wirklich etwas zu verzeihen gibt, denn du hast immer nur getan, was du für richtig gehalten hast.
    Ich habe dich geliebt und tue es in gewisser Weise immer noch.
    Genau dafür, dass du deine Ideale nie aufgegeben hast und immer bemüht warst, die Wirklichkeit deinen Idealen anzupassen.
    Nie hätte ich von dir verlangt, deine Ideale aufzugeben.
    Du willst eine perfekte Welt und um diese Welt erschaffen zu können, glaubst du, du müsstest selber erst einmal perfekt sein. Und mit dir auch alle anderen.
    Und was perfekt sein bedeutet, bestimmst du.
    Doch wenn du erst einmal festgelegt hast, wie etwas sein muss, damit es perfekt ist, gibt es keine Alternativen mehr.
    Alles andere ist nicht perfekt, und hat somit in deiner Welt kein Recht zu existieren.
    Außer, es ändert sich zum Perfekten.
    Damit gibst du selbst den Weg der Veränderung vor, weil das perfekte Ziel nur auf dem perfekten Weg zu erreichen ist.
    Es kann keine eigene Entwicklung mehr geben, wenn von Anfang an klar ist, wie das Ergebnis und der Weg dahin sein müssen.
    Aber Liebster: Entwicklung, Veränderung, der Weg zu deinen perfekten Idealen ist doch gerade das Leben.
    Der Irrtum, das Lernen, das Versuchen, das Sich-Ausprobieren, das Scheitern, das Vergessen.
    Das Suchen und Finden.
    Die Kreativität und die Kunst, das Entdecken des Schönen im Unperfekten.
    Das ist das Leben.
    Kannst du nicht versuchen, das Leben in seiner Unperfektheit zu lieben dafür, dass es einmal perfekt werden möchte, auch wenn es diese Perfektion nie erreichen wird?
    Und auch nie erreichen darf, denn wenn die Ideale erst einmal erreicht sind, beginnt nicht etwa das perfekte Leben – das Leben endet und versandet im perfekten Tod.
    Weil es in der Perfektion keine Veränderung mehr geben kann.
    Mein Liebster, wir sind an diesem Punkt angelangt, wo unsere Welt, deine Welt, ganz nah an dem ist, was du perfekt nennst.
    Ich spüre den Tod zwischen uns.
    Ich spüre meine Seele sterben, wenn wir noch länger in dieser Art zusammen bleiben.
    Dir wünsche ich von ganzem Herzen alles Glück der Welt.
    Aber du musst es selber finden.
    In dir.
    Ich kann dir dabei nicht mehr helfen.

    Leb wohl oder vielleicht auch bis irgendwann einmal.


    Pass auf dich auf.“

    Draußen war es schon dunkel geworden, und Jason saß immer noch auf dem Bett, den Brief in der Hand.
    Fantasie und Verstand spielten Kickboxen in seinem Hirn, und wie ferngesteuert ging er an den Schrank, in dem er seinen Whisky deponierte.
    Ihm war klar, dass er heute nicht zu Vreni fahren würde.
    Aber das machte ihm nichts mehr aus.

    Die Morgensonne gleißte gnadenlos auf die vielen weißen Möbel in Madeas Appartement.
    Jason verkroch sich wieder in eines der Kissen.
    Ihm war nie zuvor aufgefallen, wie hell Madea eingerichtet war.
    ‚Na ja – wie auch.’
    Er war ja immer nur abends und nachts bei ihr gewesen.
    Er betrachtete alles noch einmal genau.
    Ihr Zimmer war perfekt.
    Bis hin zur Orchidee auf dem Toilettentisch war alles harmonisch abgestimmt, und selbst die Asymmetrien in der Anordnung ergaben gemeinsam eine Harmonie wie bei einem japanischen Ikebana-Gesteck.
    Jason begann zu verstehen, was Madea mit dem „Tod in der Perfektion“ sagen wollte.

    Und obwohl es ihn immer noch wunderte, wie sie einen solchen Brief hatte schreiben können - das hatte er ihr weder geistig noch intellektuell jemals zugetraut - begannen die Worte in ihm zu arbeiten.
    Eigentlich hatten die Vorarbeiten dazu schon lange vorher begonnen, und dieser Brief war nur noch der Kiesel, der die Felslawine zum Rutschen bringt.
    Er verließ das Appartement, verschloss die Tür, hielt kurz inne und schloss sie dann wieder auf, so, wie er sie vorgefunden hatte.
    Daraufhin fuhr er zu seinem Haus.

    Es war noch sehr früh am Morgen.
    Bei der Arbeit brauchte er erst in zwei Stunden zu sein.
    Aus reiner Gewohnheit ging er an den Briefkasten.
    Die Post von heute konnte noch gar nicht da sein.
    Dennoch lagen einige Briefe darin, und er nahm sie heraus und ging ins Haus.
    Eine seltsame Stimmung umfing ihn.
    Es dauerte eine Weile, bis er sie einordnen konnte, und dann wusste er, was es war.
    Es fehlten Geräusche.
    Keine Constance, keine Vreni.
    Nichts.
    Das Haus war still bis auf das Brummen des gerade anspringenden Kühlschrankkompressors.
    Jason ging in den ersten Stock und schaute ins Schlafzimmer. Dabei kam er an Constances Zimmer vorbei und ihm fiel auf, dass die Zimmertür offen stand.
    Aber auch hier – keine Vreni, keine Constance. Jean-Claude sowieso nicht.
    Der gesamte erste Stock war leer, genau wie der Rest des Hauses.
    Jason verstand nichts mehr.
    Dass Madea ihn verlassen hatte, konnte er schon nicht verstehen, aber warum auch Vreni und Constance?

    Als er wieder nach unten gehen wollte, kam er an Jean-Claudes Zimmer vorbei.
    Die Zimmertür war geschlossen, wie immer, und wie sie auch fast immer geschlossen gewesen war, als Jean-Claude hier noch gewohnt hatte.
    Ohne Überlegung drückte Jason auf die Klinke und zu seiner Überraschung ließ sich die Tür öffnen.
    Sie war gar nicht abgeschlossen, wie er immer geglaubt hatte.
    Er betrat Jean-Claudes Zimmer, und er lächelte.
    Das Zimmer war wie das von Madea, nur völlig anders.
    Wo bei Madea weiße Ordnung und die Ruhe einer symmetrisch-asymmetrischen Harmonie vorherrschte, war Jean-Claudes Zimmer wild und ungestüm und kreiste mit wilden Farben an Wänden und Decke und an Stelle von Möbeln hatte er Haken an der Decke und den Wänden befestigt, die seine Sachen aufnahmen und so eine freie Fläche am Boden geschaffen hatten.
    In einer Ecke waren ein paar Matratzen zum Schlafen hingebaut und darauf lagen zwei Schlafsäcke und ein Steiff-Elefant.
    Jason setzte sich auf die Matratzen und streichelte den Elefanten.
    Es war sein Geschenk zum vierten Geburtstag seines Sohnes gewesen.
    Jean-Claude hatte ihn also immer bei sich behalten.
    Bis zu dem Tage, als Jason ihn aus seinem Elternhaus geworfen hatte.

    Der Elefant schien ihn anzustarren.
    Dieses Plüschtier kannte die Vergangenheit, und wie ein Gespenst erinnerte er Jason daran.
    Jean-Claudes Zimmer war voll mit solchen Gespenstern der Vergangenheit.
    ‚Kein Wunder, dass Jean-Claude alles zurückgelassen hatte.’
    Nicht nur dieses Zimmer, auch Constances Zimmer, das Schlafzimmer, das ganze Haus war voller solcher Gespenster.
    ‚Das also meinte Madea mit Tod. Wenn die Perfektion erreicht ist, wird es still und leer und alles wird zu Gespenstern, die einen verfolgen mit dem, was mal gewesen ist.’
    Jason ging wieder hinunter und setzte sich an den Küchentisch.
    Dort betrachtete er die Briefe, die er aus dem Briefkasten genommen hatte.
    Einer war von Jean-Claude, und obwohl er an Vreni adressiert war, öffnete er ihn.
    Jean-Claude schrieb von einem Theater, an dem er tanzte, und lud sie alle drei zu der Premiere ein, Vreni, Constance und ihn, seinen Vater.
    Drei Karten lagen dabei, und auch drei Bahntickets.
    ‚Er hat es geschafft’, dachte Jason.
    ‚Er ist seinen eigenen Weg gegangen, nicht den, den ich ihm bereitet hatte, und er hat es geschafft. Trotzdem. Oder gerade deswegen. Wenn er mich überhaupt gebraucht hätte, dann als Vater, der zu ihm gehalten hätte, egal was er tut.
    Ich war kein guter Vater gewesen.
    Wie mein eigener.
    Obwohl – weiß ich denn, warum der so war, wie er war?
    Vielleicht sollte ich mal mit ihm reden.
    Und mit Jean-Claude. Und Vreni. Und Constance.’
    Und Madea?
    ‚Ja. Auch mit Madea. Wenn ich wüsste, wo sie ist…’

    Madea.
    Wie ein Blitz durchzuckte ein Gedanke sein verwirrtes Hirn.
    Er stürmte die Treppe nach oben, ins Schlafzimmer, dorthin, wo Vreni nicht mehr war.
    Sein Unbewusstes hatte wahrgenommen, was sein Bewusstsein nicht wahr haben wollte.
    Jetzt stand er davor und konnte es nicht mehr verleugnen.
    Auf dem Doppelbett, auf seiner Seite glänzte etwas, etwas, was da nicht hingehörte, ein Kettchen, ein Fußkettchen, und an dem waren Buchstaben und die Buchstaben waren AMADE.
    Oder MADEA.
    Madeas Fußkettchen.

    Auf einen Schlag verstand er alles.
    Vreni musste herausgefunden haben, dass er für Madea ein Appartement gemietet hatte.
    Wie sie das geschafft hatte – das konnte er nicht sagen.
    Vielleicht hatte sie die Kontoauszüge durchschnüffelt.
    Ja, an die hatte er nicht gedacht.
    Die Mietzahlungen liefen über das Bankkonto.
    Er hätte Barzahlung vereinbaren sollen.
    Wie auch immer – Vreni muss das Appartement aufgesucht und Madea entdeckt haben.
    Was dann wohl zwischen den beiden vorgefallen war?
    Jason versuchte, die Bilder zu verdrängen.
    Was immer Vreni getan haben mag – Madea hätte keine Chance zur Gegenwehr gehabt.
    Vreni war sportlich und durchtrainiert und eine Liebespuppe wie Madea mit ihren dreißig Kilogramm hätte für sie keine Schwierigkeit dargestellt.
    Voller Enttäuschung musste Vreni dann den Abschiedsbrief geschrieben haben.
    Bevor sie dann mit Constance aus Jasons Leben verschwand, musste sie die Liebespuppe irgendwo „entsorgt“ haben.
    Und die Kettchen so platziert haben, dass er sie finden würde, eines in Madeas Appartement und das andere in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer.
    ‚Natürlich. Das erklärt alles.’
    Er kam sich dumm vor, unendlich dumm, jemals angenommen zu haben, Madea hätte einen Brief schreiben können.
    ‚Sie ist halt nur eine Liebepuppe.’

    Jason musterte das Schlafzimmer.
    Erst jetzt fiel ihm auf, dass tatsächlich einige Gegenstände fehlten.
    Sachen von Vreni.
    Er sparte es sich, Constances Zimmer zu durchsuchen.
    Dort würde es ähnlich aussehen.
    Einige Dinge waren dageblieben, wohl das, wofür weder Vreni noch Constance Verwendung hatten.
    Für Jason hatten sie keinerlei Bedeutung mehr.
    ‚Gespenster.’
    Er ging an Jean-Claudes Zimmer vorbei und spürte einen Anflug von Freude, dass es sein Sohn geschafft hatte, so viel zurück zu lassen und mit so wenig Ballast und so leichtem Gepäck seinen Weg zu gehen.
    Jason kam die Treppe herunter und sah die Ledermöbel und die Schränke aus „Eiche massiv“, all das, was schwer und behäbig ein Leben festgeschrieben hatte, dass seines so nie gewesen war und nie hätte werden sollen.
    Er hätte es nie erlauben dürfen.
    Und obgleich er die Stimme Madeas nicht mehr hörte, hatte er sie nicht verloren.
    Es war ihm, als wäre Madeas Stimme mit Jason zu einer Person verschmolzen.

    Ein letzter Blick durchs Haus.
    Keine Zimmertür ist geschlossen.
    Dann geht er zur Haustür, ohne sich noch einmal umzudrehen.
    Er öffnet sie und tritt ins Freie.
    Kinderstimmen schallen von der anderen Straßenseite herüber.
    Ein Nachbar hat Rasen gemäht und es riecht nach frisch geschnittenem Gras.
    Eine Katze huscht in ein Gebüsch, und Jason schaut in den blauen Himmel, der ihm klar erscheint wie seit Ewigkeiten nicht mehr.
    Er geht die Straße hinunter.
    Ein Ziel hat er nicht - doch er weiß, wohin er zu gehen hat.
    Die Haustür lässt er weit geöffnet.
    Und die Gespenster der Vergangenheit bleiben alle zurück.


    Auf der Bank einer aufgegebenen Bahnstation sitzt eine Liebespuppe.
    Sie lächelt versonnen.
    Ihre Mission bei Jason ist erfüllt.
    Nun sitzt sie einfach da und wartet auf einen Zug, der dem Kursbuch zufolge niemals kommen wird.
    Aber das ist völlig unwichtig geworden.

    ©Isi 2017
    Geändert von G.Sindel (15.06.2017 um 14:45 Uhr)
    Lebe, als gäb es kein morgen, und liebe, als lebtest du ewig.
    ©Isi

  5. #5
    Avatar von Doll Raider
    Registriert seit
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    Beiträge
    484
    Unterwegs...

    Mit kreischenden Bremsen hielt der Güterzug.
    Ein Wurm aus gequälten - rostfleckigen Metalls,
    Ölgeruch und Dieselqualm wie eine Fahne hinter sich herziehend.
    Red sprang ab. Er war frei, konnte tun und lassen
    was er wollte. Der Job, Familie, Urlaubsreisen, Grillpartys,
    der Verein, die Weihnachtsfeiern, all das wofür es sich
    angeblich lohnt aufzustehen, lag schon eine
    ganze Zeit hinter ihm. Wie es dazu kam, konnte
    er nicht mehr genau sagen. Irgendwie war alles zuviel geworden.

    Von diesem neuen Dasein hatte er immer geträumt,
    leider stellte er fest, dass es kein einfaches Leben war.
    Nie wußte er ob er eine Bleibe für die Nacht finden würde,
    eine regelmäßige Mahlzeit, ein Bett, eine Dusche...
    einen lausigen Job für einen Hungerlohn.
    Ja, es brachte auch einige Nachteile mit sich, dieses neue Leben. Am schlimmsten war die Einsamkeit, diese Sehnsucht nach etwas Liebe
    und Geborgenheit, da gab es wirklich nicht mehr viel,
    verständlich, welche Frau mochte schon so einen wie ihn.

    Diese verlassene Bahnstation erschien ihm wie eine Zuflucht.
    Sie war Ende und Anfang, ein geheimnisvoller Ort, wie geschaffen für Typen wie ihn.
    Hier darf man solange bleiben wie man möchte.
    Wer mag fährt weiter, er mochte nicht mehr.
    Auch diese Puppe saß schon länger hier.
    Sie trug ein Kleid mit Punkten und zwei hellblaue Schleifen im Haar.
    Irgendein scharlachrotes Zeug lief ihr aus der Nase.
    Red steckte sich eine Zigarette an und ging auf sie zu.
    Der Abend versprach interessant zu werden.

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