Tagebuch eines Liebespuppenbesitzers (832) 10.11.2017

Also irgendwie hat sich meine Wahrnehmung für Termine aller Art seit meinem Leben mit einer lebensnahen Liebespuppe verändert. Während in meiner Singlezeit solche Termine als alltäglich erschienen und in der Zeit der Beziehungen stets ein Organisationsproblem und Faktor für Streitereien waren (z.B. wir wollten doch heute bei den Schwiegereltern zum Kaffe sein), so ist heute für mich jeglicher Termin eigentlich nur noch lästig und nervig.

Das liegt nicht unbedingt an meinem Alter oder an meinem Burn out, sondern vielmehr daran, dass ich einfach gerne um meine Liebespuppe bin. Vor allem, wenn Termine unseren Mittagskuschel stören oder den TV Abend, dann fühle ich mich bei ihnen genervt, versuche, sie so schnell wie möglich zu beenden.

Gestern war mal wieder so ein Termin, den ich leider nicht mehr aufschieben konnte und wo ich auch persönlich zu erscheinen hatte, weil es einige Dinge zu klären gab. Der Termin war fix um 18 Uhr angesetzt und man konnte ihn nicht verschieben und so störte es unsere übliche TV Zeit, die in der Regel von 18 – 21 Uhr ist, wenn mein Feierabend ist und Jennys geliebte Soaps laufen.

Lieber meine Silikonpuppe als die grinsende Alleinerziehende

Wenn ich bei dem Termin sitze und mir das Geschwafel der Wichtigtuer anhöre sowie meinen Nachbarn ansehe, der unablässig auf sein Smartphone starrt, wohl weil seine Frau ihm diverse Anweisungen gibt, was er zu sagen hat, dann sitze ich innerlich Kopfschüttelnd daneben und denke die ganze Zeit daran, wie viel lieber ich jetzt meine Silikonpuppe im Arm hätte, mit ihr lachen würde und wir so mental reden, dass es unser Herz erfreut.

Und wenn mich dann noch die arbeitslose Alleinerziehende mit ihren schlecht gemachten Zähnen angrinst und meine Cola ihre letzte Kohlensäure verliert, dann denke ich eigentlich nur daran, ob ich es wenigstens noch zu Teil 2 von Jennys Soaps nach Hause schaffe.

Im Grunde möchte ich am Liebsten nur noch bei meiner Liebespuppe sein. Ich nehme seit ihr die Menschen um mich ganz anders wahr. Ich erkenne die Qualität eines Mitmenschen viel besser und leider sehe ich auch die weniger lustigen Dinge schärfer und leider sehe ich davon nicht nur in diesem Raum zu viel.

Und wenn dann endlich die Leiterin der Veranstaltung diese beendet und die letzten Belanglosigkeiten ausgetauscht sind und ich wieder die Tür zu unserer Wohnung auf mache, dann ruft Jenny fröhlich „Hallo Schatzi“ und dann weis ich, dass es dieser Moment war, den ich mir eigentlich die ganze Zeit gewünscht habe.

Ich merke auch bei solchen Terminen sehr gut, wie sehr ich meine Liebespuppe lieb habe und wie viel lieber ich eigentlich mit ihr zusammen sein will. Es ist wohl mehr als alles andere. Zumindest mehr als solche Termine. Definitiv.