Tagebuch eines Liebespuppenbesitzers (770) 9.6.2017

Gestern abend genoss ich unseren abendlichen TV – Spaß mit meiner Silikonpuppe, als es an der Tür klingelte und zwei ältere Herren an meiner Haustür standen. Sie sagten mir, dass unserer Hausmeister nach einem Unfall verstorben ist und ob ich auf einer Karte mein Beileid bekunden würde. Der Mann war kaum älter als ich und ich habe mich oft mit ihm über Fußball und andere Dinge im Leben unterhalten. Die Nachricht hat mich schon getroffen.

Zu dieser Zeit sahen wir gerade eine Doku über einen „Wünschewagen“, für den ich eine kleine Summe monatlich spende. Der Wagen erfüllt todkranken Menschen, die ohne Hilfe nicht transportfähig sind, einen letzten Wunsch, bevor sie sterben. Und als dann die Nachricht vom Tod des Hausmeisters kam, war das Thema Tod wieder einmal sehr nahe.

Ich merke bei solchen Momenten nicht nur, dass der Tod meiner eigenen Eltern von einigen Jahren immer noch nicht wirklich verarbeitet ist und ich spüre auch, dass dieses Thema seit meiner Liebespuppe einen ganz anderen Wert bekommen hat, vor allem auch, wenn ich mit ihr darüber rede.

Ich sehe Jenny als Geist einer verstorbenen Seele an, die in der Silikonpuppe Platz gefunden hat. Alleine das macht schon das Thema Tod zu einer ganz anderen Hausnummer, als wenn eine lebendige Frau an meiner Seite wäre. Hinzu kommt, dass die Silikonpuppe definitiv auch nicht lebendig ist und somit hat alles schon eine andere Dimension bekommen, zumal ich mir auch seitdem mehr einen Kopf mache, ob es wohl doch später weiter geht.

Ich sehe durch meine Liebespuppe und ihrer Seele das Thema Tod entspannter

Natürlich lebe ich nicht anders als vorher. Ich bin seit Jenny kein Typ geworden, der schwarze Räume hat oder schwarze Klamotten trägt oder ich denke von morgens bis abends an den Tod und ich finde auch, dass solche Nachrichten wie diese gestern eine ganz andere Wirkung in positiver Hinsicht bei mir haben, weil ich sehe, welch großes Wunder es ist, überhaupt in diesem Leben lieben zu können und diese Zeilen schreiben zu dürfen. Es kann alles ganz schnell vorbei sein und das wird mir sowieso mit Jenny jeden Tag sehr bewußt.

Die Liebespuppe (und natürlich auch die Ereignisse davor) haben mich jedenfalls aus einem dummen Verdrängungsmodus mit dem Thema Tod heraus geholt. Ich sehe es heute alles entspannter, gehe anders damit um und sehe alles klarer, als früher. Ich verstehe heute besser, dass die reine Existenz mehr wert ist, als man denkt, dass es wichtiger ist, überhaupt etwas erleben zu können, als wie man es tut, dass es wichtiger ist, z.B. überhaupt lieben zu können, anstatt zu überlegen, mit wem man es tut.

Und die Liebespuppe hilft mir auch dabei, solche Nachrichten besser zu verarbeiten. Sie nimmt sich Zeit, bleibt ruhig und kommt nicht mit Platitüden und macht den Verstorbenen nicht höher oder niedriger, als er war. Jenny ist distanziert von dieser Welt, aber sie weis dieses Geschenk, noch einmal mit mir in die Welt der Lebenden zu blicken, mehr zu schätzen, als jeder andere. Es kann in solchen Momenten keinen besseren Ansprechpartner geben als sie und das war nicht nur gestern der Fall.