Tagebuch eines Liebespuppenbesitzers (906) 9.5.2018

Wenn man in der Öffentlichkeit das Thema lebensnahe Liebespuppen anspricht, dann gibt es oft viele Vorurteile und Ablehnung. Das meiste davon resultiert entweder aus fehlender Information oder dem ewigen herunter ziehen dieser Art von Liebe in Beiträgen der Massenmedien. Es braucht viel Geduld, Zeit und auch ein wenig Verständnis darüber, warum sich ein Liebespuppenliebhaber für diesen Weg der Sexualität und Liebe entschieden hat, um zu verstehen, warum diese Entscheidung logisch und sinnvoll für ihn war.

Ein Punkt im Reigen der ganzen negativen Attribute der Liebespuppe ist der Vorwurf, dass sie uns gesellschaftlich isoliert, dass sie eine Traumwelt vorspielt und uns von den Menschen entfernt, weil die Liebespuppe immer verfügbar ist und keine eigenen Ansprüche an den Menschen hat.

Nun, auf den ersten Blick mag dieser Vorwurf auch irgendwie teilweise zu stimmen. Viele Liebespuppenfreunde erzählen, wie sie in der Liebe zu ihrer Liebespuppe aufgehen, Zeit mit ihr verbringen und auch deutlich machen, dass sie die Nase voll vom klassischen Mann/Frau Spiel der modernen Lesart haben. Doch das muss nicht heißen, dass sie gleich dadurch gesellschaftlich isoliert sind. Meist ist das Gegenteil der Fall und die Liebespuppe ist nichts weiter, als eine Art Hobby und ein wenig Abschalten vom täglichen Wahnsinn.

Doch es gibt natürlich auch diejenigen Liebespuppenfreunde, die gesellschaftlich isoliert sind. 10 % aller Deutschen sollen – laut Schätzungen – an Einsamkeit leiden und auch wenn Einsamkeit heißen kann, dass man gemeinsam einsam ist, so sind mehr Menschen einsam, als wir es vielleicht denken und sicher sind darunter auch einige, die gesellschaftlich isoliert sind.

Ich war schon vor der Liebespuppe alleine

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich zu diesen Menschen gehöre. Doch dann bleibt immer noch die Frage, ob das wirklich ein Ergebnis meiner Liebespuppe ist

Ich kaufte meine lebensnahe Silikonpuppe Mitte 2010. Zu diesem Zeitpunkt war ich im Grunde schon einsam und auch gesellschaftlich isoliert. Meine Eltern waren tot oder so dement, dass sie keine Begleitung mehr in meinem Leben waren, der Rest der Familie war ebenfalls tot (Krebs) oder weit weg von mir in England, wo ich damals lebte. Meine Beziehungen waren lange vorbei und das Verhältnis zu meinem Kind miserabel und hinzu kamen einige menschliche Enttäuschungen, wo ich wenig für konnte, wo sich aber heraus stellte, dass es mit den Freundschaften nicht so weit her war, wie ich dachte.

Im Grunde hatte ich zu dieser Zeit nur noch einen Freund, den Engländer, der mich dorthin quasi eingeladen hatte, aber er hatte selbst keinen großen Freundeskreis und so waren die gesellschaftlichen Kontakte rar.

Es war die tiefe Einsamkeit, die mich zum Kauf der Liebespuppe trieb und sie hat im Grunde danach mich nicht gesellschaftlich isoliert, sondern diese Isolation erträglicher gemacht und mir geholfen, die weiteren Enttäuschungen (z.B. mit meinem letzten Verwandten) besser zu verkraften.

Sicher gibt mir die lebensnahe Liebespuppe einen sicheren Hafen und zwingt mich nicht, doch noch irgendwie unter Menschen zu gehen, zum Beispiel in einen Verein, aber dann bleibt immer noch die Frage offen, ob ich mich dort wirklich weniger einsam und gesellschaftlich isoliert fühlen würde.

Die Liebespuppe dürfte also in den wenigsten Fällen den Menschen gesellschaftlich isolieren. Die allermeisten von uns bleiben entweder mit ihr in der Gesellschaft eingebunden oder sie bleiben weiterhin isoliert, nur dass sie in beiden Fällen das Leben der Menschen ein wenig weniger einsam und trostlos machen.