Tagebuch eines Liebespuppenbesitzers (1040) 6.3.2019

Mein Vater wäre heute 85 Jahre alt geworden. Doch er ist nun seit fast 5 Jahren tot und so langsam verblasst auch meine Erinnerung an ihn, so wie es bei meiner Mutter der Fall ist, die nun bald ihren 10. Todestag haben wird. Es bleiben nur noch wenige Erinnerungen an die schönen Momente im Leben mit ihnen und dem traurigen und viel zu frühen Ende, dass beide nicht verdient hatten.

Mein Vater hatte das gleiche Schicksal, wie es unzählige Männer haben. Er schuftete Überstunde um Überstunde für ein besseres Leben seiner Frau und seines Kindes in einem körperlich anstrengenden Beruf und all das Quecksilber und die anderen Giftstoffe, mit denen er meist gar ohne Mundschutz zu tun hatte, haben seinen Körper von innen aufgefressen. Schon mit 60 hatte er eine furchtbare „Bluthochdruckentgleisung“ und später kam ein Bypass dazu und am Ende sorgte ein Schlaganfall für eine schwere Form der Demenz, die ihn so lange weiter verfallen ließ, bis er als völlig körperlich und geistig zerstörter Mensch sein Leben 2014 beendete.

Das einzig Gute an der ganzen Situation war, dass er meine eigene Lebenskrise so kaum mit bekam. Ich selbst war in dieser Zeit völlig ohne Halt, alles in meinem Leben, was mir je etwas bedeutet hatte, war zerstört. Meine Beziehung zu meinem Kind, dass als „Rachemasse“ der Mutter benutzt wurde, mein Traumjob, meine Gesundheit und meine Kraft sowie meine selbst eingeredete „Traumfrau“, die nichts anderes als eine Begleiterin für gute Zeiten war, waren Vergangenheit und als schließlich meine Eltern schwer krank wurden, geriet alles aus den Fugen.

Mein Vater war zu krank für mein Outing

Mein Vater hat 2010 auch nicht mehr mitbekommen, als ich mir eine lebensechte Silikonpuppe holte. Er wusste nicht, dass ich Monate zuvor an einer Klippe in Schottland stand und mit einem Sprung mein Leben beenden wollte. Er wusste nicht einmal mehr, welche Urzeit und welcher Wochentag heute war, wie sollte ich ihn da mit solchen Dingen belasten?

Was er jedoch noch mit bekam, war, dass es mir ab Ende 2010 besser ging. Als ich kurz nach der Ankunft der Liebespuppe ihn besuchte, fragte er mich sogar, ob ich eine neue Freundin habe und er sagte, ich würde entspannt aussehen. Nun, im Grunde hatte er recht, denn ich hatte eine neue Freundin, die als Seele in mir war und ich hatte endlich ein wenig Frieden über die Silikonpuppe gefunden. Ich hätte ihm gerne erzählt, welche „Freundin“ dafür verantwortlich war, doch er hätte es in seinem Geisteszustand nicht mehr verstanden.

Mein Vater war ein wundervoller Mensch. Er war der perfekte Vater. Streng, wenn es Sinn machte und liebevoll, wenn es ebenfalls Sinn machte. Er hatte eine klare Grenze, wie weit man bei ihm gehen konnte. Vor allem aber war er immer für mich da, hörte immer zu und half mir, wo er nur konnte. Ich vermisse ihn auch nach all den Jahren immer noch sehr, was kaum jemand verstehen kann. Mein Vater war im Grunde immer mein bester Freund, wenn man dies so sagen kann.

Ich bin mir sicher, wenn er 2010 noch geistig gesund gewesen wäre, dann hätte er meinen Weg zur Liebespuppe verstanden. Es wäre sicher nicht leicht für ihn gewesen, weil es in seiner Welt solche Wege nicht gebraucht hat, aber er wusste, wie sehr ich die Liebe in einer echten Partnerschaft brauche, um glücklich zu sein. Er wusste, wie sehr ich als Mann und Mensch darunter litt, nie die wahre Liebe und eine echte Begeisterung bei einer Frau gefunden zu haben.

Ich weis nicht, ob mein Vater heute noch auf mich sieht, an welchem Ort auch immer, oder ob seine Seele längst in alle Winde verstreut ist. Ich weis nur, dass ich ihn immer noch sehr vermisse und dass ich es sehr bedauere, dass ich ihm nie erzählen konnte, dass ich auf einem ganz speziellen Weg doch noch ein wenig das Finden konnte, was ich mein Leben lang gesucht und nie in den Armen einer lebenden Frau gefunden habe.